Vor kurzem hat A24 einen Horrorfilm mit dem Titel Backrooms herausgebracht, der auf ein gleichnamiges Internet-Horror-Phänomen basiert. Der Film, sowohl als auch die YouTube-Serie, die ihm vorausgegangen ist, haben mir sehr gut gefallen. In diesem Blogeintrag wollte ich darauf genauer hinschauen, was die Backrooms unheimlich macht und warum sie dem Zeitgeist so gut entsprechen.
Der Ausdruck "Backrooms" verweist auf einen fiktiven, übernatürlichen Bereich, die aus eine endlose Reihe von unheimlichen, oft büroartigen oder industriellen Zimmern und Fluren besteht und mit geheimnisvollen menschenfeindlichen Wesen dünn bevölkert ist. Die Idee ist ursprünglich aus einem 4chan-Faden entstanden und zu einem kollaborativen Creepypasta-artigen Mythos geworden. Sie hat ein eigenes Wiki, wo Anhänger ständig Konzepte für neue Räumen entwickeln und beunruhigende Zimmerbilder hochladen.
Die Backrooms sind eng mit dem Begriff der "Liminalität" verbunden. In der Internetkultur verweist der Ausdruck "Liminalraum" auf einen leeren oder verlassenen Ort, der ein unheimliches Gefühl erweckt. Der Begriff ist mit "Uncanny Valley" vergleichbar: ein Raum, der sehr bekannt vorkommt aber einige kleine, subtile Besonderheiten beherbergt wirkt viel beunruhigender als einer, der völlig fremd ist. Hier unten habe ich ein paar Bilder aus dem originalen 4chan-Faden, der Backrooms-Webseite und dem Subreddit r/LiminalSpace zusammengestellt, die meiner Meinung nach diese Ästhetik gut vertreten:
Ab 2022 hat der Youtuber Kane Parsons eine YouTube-Serie mit dem Titel Backrooms angefangen. Es besteht teilweise aus Found-Footage-Aufnahmen von Opfern, die in die Backrooms gerutscht sind, und teilweise aus internen Berichten einer Firma namens Async, die diesen rätselhaften Bereich entdeckt bzw. erzeugt hat. Angeblich hat Parsons die Darstellung der Backrooms in seiner Serie teilweise mit dem 3D-Modellierungssoftware Blender geschafft, aber man merkt das kaum beim Zuschauen. Die körnige Filmqualität verbergt fast jede Spur davon; darüber hinaus erzeugt es ein hervorragendes Analog-Horror-Gefühl.
Einige Gestaltungen der Serie sind genialerweise widersinnig:
Die YouTube-Serie war ein Riesenerfolg, was dazu geführt hat, dass A24 einen Spielfilm gemacht hat, der auf dem gleichen metaphysischen Horrorkonzept basiert. Der Film tauscht die Analog-Horror-Ästhetik gegen eine Handlung mit Charakter aus, die nicht immer hinter der Kamera sondern im Vordergrund stehen. Er verfolgt Clark, ein gescheiterter Architekt mit einer scheiternden Ehe, der zu einem Möbelverkäufer geworden ist, und seine Therapeutin Mary. Obwohl mir die originale YouTube-Serie aus ästhetischer Sicht besser gefallen hat, fand ich die A24-Spielfilm auch anregend, weil die Charakter und ihre Beziehung gut dazu passen, was für gesellschaftliche Themen ich in den Backrooms hineininterpretiere.
Genauso wie mit jedem Fabel oder mit jeder urbanen Legende, kann man meinen, dass es großenteils willkürlich ist, welche Internet-Gruselgeschichten viral gehen und welche nicht. Ich ahne hingegen, dass manche - wie Backrooms - sich großer Beliebtheit erfreuen, weil sie einen Nerv in unserer Gesellschaft getroffen haben.
Viele von uns fühlen sich wohl dazu gezwungen, viel mehr Zeit, als wir uns wünschen würden, unter künstlichen Lichtern und in hässlichen, kitschig möblierten Räumen zu verbringen. Deshalb kommen uns die Backrooms wie eine besonders entsetzliche Art moderner Hölle vor. Meine persönliche Auffassung der Bedeutung der Backrooms geht aber etwas weiter. Kurz gesagt, sehe ich die Backrooms als eine Art physikalischer Manifestation des Unsinns, der aus dem komplexen Zusammenspiel vielen Menschen in der Gesellschaft als emergente Eigenschaft entsteht.
Unser Leben wird von unterschiedlichen komplexen Systemen gestaltet. Diese können ausdrückliche Organizationen sein, z.B. Regierungen, Betriebe, Schulen oder Kirchen, aber sie können auch emergente Phänomene wie der Kapitalismus oder die Globalisierung sein. Ihre Entwicklung kann zwar von einem rechtlichen Regelwerk beeinflusst werden, aber sie verselbständigen sich und führen zu unerwarteten Effekten, die niemand gewünscht hätte: Verschwendung von Ressourcen, Fehlanreize, Betrug, wirtschaftliche Krisen, menschliches Leiden. Sie sind also irgendwie gleichzeitig menschlich, insoweit, dass sie aus Menschen bestehen, und unmenschlich, insoweit, dass ihre emergente Eigenschaften manchmal menschenfeindlich oder entmenschlichend sind. Umso schrecklicher sind solche Strukturen, weil sie die Verantwortungsdiffusion hervorbringen. Ihre Probleme sind vielmehr emergent und systemisch und können nicht bekämpft werden, indem man einen endgültigen Bösewicht erschlägt.
Diese riesengroße verteilte Systeme sind selbst in einem Film kaum darzustellen, aber die YouTube-Serie inszeniert eine fiktive Firma namens Async als Hauptcharakter, die sich durch die Stimmen ihrer Angestellter ausdrückt. Sie entdeckt bzw. erzeugt den übernatürlichen Bereich der Backrooms und wir erfahren durch Einzelberichte, wie ihre Personal versucht, diese künstliche Wildnis zu zähmen. Für die Firma bildet sie einen Zielkonflikt zwischen Gewinn auf der einen Seite und Transparenz, Verständlichkeit und Sicherheit auf der Anderen. Ich könnte die Handlung fast allegorisch interpretieren, als die allgemeine Geschichte einer Firma, die kurz davor steht, die Grenze zwischen Mittelbetrieb und Großbetrieb zu überschreiten, und mit den entmenschlichenden Konsequenzen dessen ringt. Indem Async sich die Backrooms einverleibt, nimmt sie sowohl eine entscheidende Geschäftsgelegenheit als auch die Verantwortung an, ihre innewohnende menschenfeindliche Kräfte im Griff (oder nicht!) zu behalten.
In den Backrooms werden diese makroskopische Systeme vor allem durch Architektur und künstliche Gegenstände vertreten. Wir sind in unserem Alltag mit massenproduzierten Gegenständen ständig umringt: Möbel, Innenausbau, Leuchtkörper, Rohrleitungen, komplexe Elektronikgeräte, usw. Diese Gegenstände werden in unser Umfeld geliefert und aufgestellt, ohne das wir wissen, genau woraus sie bestehen, genau woher ihre Bestandteile kommen und genau wie sie funktionieren. Wir sind nicht angewöhnt, das zu hinterfragen; wir nehmen sie als gegeben an. Das haben wir der Großindustrie und der globalen Lieferketten zu verdanken. Ihre Schattenseite, nämlich ihre Gleichgültigkeit gegenüber dem menschlichen Wohlsein, wird aber durch die Perversion dieser Objekten in den Backrooms dargestellt. Ein Tisch blockiert eine Tür; ein Sessel sitzt klaustrophobisch mit Blickrichtung zur Wand; ein Stuhl hat unpraktisch lange Beine. So spiegeln die Backrooms die furchtbare Menschlichkeit-Unmenschlichkeit dieser Systeme wider. Sie bilden eine Umgebung, wo alles offensichtlich künstlich ist, aber jede Spur des menschlichen Verstands verlorengegangen ist.
Die Backrooms laden zu einem Vergleich mit einem anderen Horrorszenario, nämlich das Sich-Verlaufen in der Wildnis, zum Beispiel in einem riesengroßen Dschungel. Es gibt zwar zahlreiche unverständliche und gefährliche Wesen in der Natur. Irgendwie wäre das aber ein besseres Schicksal, als in den Backrooms eingeschlossen zu sein. Die Natur ist mindestens natürlich; egal wie gefährlich es sein mag, smeichelt es den menschlichen Sinnen, weil wir uns jahrtausendeland entwickelt haben, um die Schönheit der Pflanzenwelt oder eines Wasserlaufs schätzen zu können. Aus den emergenten Strukturen der modernen Gesellschaft ist aber eine neue Art "künstlicher Natur" entstanden, die genauso wild und umfassend wie die echte Natur ist, und die sie verdrängt. Mit ihren künstlichen Lichtern, ihrem kitschigen Möbel und ihren homogenen Farbkonzepten ist sie aber keineswegs schön. Wir verbrauchen immer mehr Zeit in solchen Räumen am Arbeitsplatz, in der Vorstadt, in der Schule, usw. Backrooms bringt zum Ausdruck die Furcht, dass sie uns endgültig verschlingen.
Der A24-Film geht näher auf die Frage ein, wie wir als Individuen einer solchen Realität beikommen können. Zwei entgegengesetzte Sichtweisen sind durch Clark und Mary verkörpert.
Clark fühlt sich in seinem Leben eingeschlossen, obwohl er in keinem Haus eingesperrt ist; ganz im Gegenteil hat ihn seine Frau rausgeworfen. Einmal strebte er danach, Architekt zu werden, aber stattdessen ist er aus finanziellen Gründen gezwungen, einen untergehenden Möbelladen zu führen. Wir sehen, wie er sich als Pirat verkleidet und sich lächerlich macht, um eine Werbung für seinen Betrieb zu filmen. Die ausgestellte Möbel dienen vermutlich als tägliche Erinnerung seiner gescheiterten Bestrebungen. Sein Leben ist also zu einer ästhetisch abartigen Absurdität geworden. Als Antwort darauf greift er zur Flasche, gibt er anderen die Schuld und verhält er sich aggresiv gegenüber denen, die seine Handlung kritisieren.
Clarks Selbstmitleid ist nichts Besonderes, aber sein Zusammenspiel mit seiner Reaktion auf die Backrooms ist merkwürdig. Was seine Mitarbeiter und seine Therapeutin als schrecklich und beunruhigend wahrnehmen, bringt Clark fieberhafte Erregung entgegen. Er fühlte ja schon längst, dass etwas in seinem Leben falsch und verdorben war; in einem gewissen Sinn wohnte er schon in einer Art Backrooms in seinem Kopf. Für ihn stellt die Entdeckung eine Bestätigung dar, dass das Problem nicht nur mit ihm liegt, sondern auch mit seiner Umgebung.
Jetzt kommen wir zu Mary, dessen Sichtweise etwas interessanter ist, obwohl es auch nicht hinreicht, sie vor dem verdorbenden Einfluss der Backrooms zu bewahren. Ihr Weltbild wurde anscheinend stark von ihrer Kindheit geprägt, zu welcher Zeit sie von ihrer paranoiden und einsiedlerischen Mutter zu Hause eingesperrt wurde. Davon wurde sie letztendlich befreit, als ihre Mutter institutionalisiert wurde. Es wird angedeutet, dass Mary diese Erfahrung verallgemeinert und in ihre Herangehensweise als Therapeutin übertragen hat. Sie hat nämlich ein Buch geschrieben, von dem wir in ein paar Werbungen im Film erfahren, die dem Leser dazu ermahnt, "das innere Fenster zu öffnen". (Für sie ist dieses metaphorische Fenster eher konkret: es entspricht einem übertapezierten Fenster im Haus ihrer Mutter.) Die Botschaft lautet, dass man die eigene Probleme im Leben selber lösen kann, und wenn man das nicht tut, hat man selber schuld, weil man sich selbst zurückgehalten hat.
Diese Sichtweise ist für Clark gar nicht hilfreich. Seine Bewältigungsmechanismen sind zwar nicht gesund oder konstruktiv, aber wahrscheinlich sind viele der beruflichen und wirtschaftlichen Umstände, die zu seiner unerträglichen aktuellen Lebenssituation geführt haben, eigentlich außer seiner Kontrolle gewesen. Erst in der Backrooms werden aber die Schwäche Marys Sichtpunkt deutlich veranschaulicht. Zum einen ist die perverse Architektur der Backrooms eine eindeutige Ablehnung ihrer Fenster-Metapher: da bedeutet ein Fenster keinen Ausweg und dadurch kommt man bloß in ein anderes Zimmer. Die Backrooms sind also umfassend, im Vergleich zum Haus ihrer Kindheit. Zudem war ihre Gefangenschaft als Kind lösbar, indem seinen Verursacher, nämlich Marys Mutter einfach ausgehebelt wurde. Die Backrooms haben hingegen keinen "Endgegner" und keinen greifbaren Schöpfer. Die Bösewichter, die sie bewohnen, sind keine Verantwortliche, sondern die verstümmelte Überreste früherer Opfer. So entsprechen die Backrooms den gesellschaftlichen Systemen, die ich vorher beschrieben haben, und die die Urquelle Clarks Elend sind: sie sind allumfassend und stellen keinen konkreten Vertreter vor, den man beschuldigen oder bekämpfen kann.
Mary klebt fest an ihrer Idee. Sie schlägt sogar den Clark-Mutant mit dem Betonstück den Schädel ein, der den Handabdruck ihrer Mutter trägt, als grausame symbolische Darstellung ihres Beharrens darauf. Um ihre idealisierte Auffassung der persönlichen Verantwortung nicht aufgeben zu müssen, rutscht sie in die Realitätsverweigerung. Selbst nachdem sie mehrere offensichtlich übernatürliche Phänomene in den Backrooms mit eigenen Augen betrachtet hat, weigert sie sich, Clark Recht zu geben. Stattdessen behandelt sie ihn weiterhin wie einen Patienten und erkennt die unerklärliche Umstände nicht an. Nach ihrer Rettung am Ende des Films spricht Mary mit Phil, einem Wissenschaftler der Firma Async. In diesem Gespräch deutet Phils Wortwahl ("Could you establish how you got in here?") an, dass sie sich noch in den Backrooms befinden; selbst nachdem Mary preisgibt, dass sie glaubt, nicht mehr in den Backrooms zu sein ("You've been there?"), passt Phil seine Rede an, um ihre Annahme nicht zu widersprechen.
Also: letztendlich verschlingen die Backrooms die beiden Protagonisten und verwandeln auch sie in zwei unterschiedliche unmenschliche Geschöpfe, die die Entgegensetzung ihrer zwei Sichtweisen unterstreichen. Clark wird zu einem aggresiven, zerstörerischen Scheusal, was seine Feindlichkeit gegenüber der absurden und ungerechten Welt widerspiegelt, und Mary hingegen zu einem der passiven, gesichtslosen, nichtsfühlenden Wesen, die Clark gern zerstückelte, was ihrer Weigerung entspricht, die groteskte Realität anzuerkennen.
Was bietet denn der Film für alternative Sichtweisen? Phil ist der einzige Character, der im Film die Backrooms betretet, und sie nicht erlegen ist, was gutes Licht auf seine Fähigkeit wirft, die Situation zu bewältigen. Was genau er für eine Sichtweise vertretet, bin ich mir aber nicht sicher. Andrerseits ist er ein bereitwilliges Teil des amoralischen bürokratischen Apparats, der die Backrooms erzeugt hat, also vielleicht ist er gar nicht als Vorbild zu bewundern.
Nur noch eine Bemerkung. Die Backrooms ähneln sich auffälligerweise zum wachsenden Phänomen von KI-generierten Inhalt im Internet. Vor er seine KI-Inhalt-Richtlinien verändert hat, war der Subreddit r/InteriorDecorating beispielsweise mit KI-generierten Bilder überflutet, die so absurde Details enthalten, dass sie in den Backrooms tatsächlich sehr gut reingepasst hätten:
Darüber hinaus könnte Clarks Beschreibung der Backrooms und ihrer Einwohner sogar eine ausdrückliche Anspielung auf KI-halluziniertes Inhalt sein:
“Who are these people?”
"This place builds them. Well, actually, more like it remembers them. And the more time it remembers something, the less it does. Somewhere out there is a guy in a striped shirt, but in here he's remembered, just slightly wrong. Somewhere out there is a man with a wheelchair and a lamp... Pretty sure that's how you get all of this, all of these places, rooms and buildings misremembering themselves..."
"Let's talk this through..."
"In some ways, they're an improvement on the originals. For starters, they can't feel anything."
Ich bin mit dem Internet aufgewachsen und ich fühle mich da (hier?) großenteils wie zu Hause. Immer öfter lande ich aber in einer digitalen Gegend, wo alles auf den ersten Blick normal aussieht, indem sie wie das Werk eines Menschens vorkommt, aber es stellt sich nach einem genaueren Blick heraus, dass da was los ist. Ein Text ist zum Beispiel viel zu freundlich formuliert oder mit einer Unzahl an Emojis oder Geviertstrichen bestreut. Ein Mensch im Hintergrund eines Fotos hat zu viele Finger, oder ihm fehlt ein deutliches Gesicht. Zwei Exemplare der gleichen Buchstabe in einer Infografik sehen etwas anders aus, obwohl sie der gleichen Schriftart sein sollen. Manchmal begegnete ich sogar KI-Slop in der echten Welt, zum Beispiel in einer Werbung auf einer Plakatwand.
Backrooms gelingt es, fast das gleiche unheimliche und beunruhigende Gefühl zu erwecken, als ich erlebe, wenn ich auf KI-generierte Bilder oder Videos ungewollt stolpere. Diese zwei Werke sind die einzige, die ich bisher gefunden habe, die diese besondere moderne Art des Grauens getreu nachbilden.