Es ist schon etwa 6 Monate her, seitdem meine Frau und ich uns von Albuquerque verabschiedet haben und nach Deutschland gezogen sind. Ich mache ein Masterprogramm im Bereich Computerlinguistik an der Universität Tübingen und meine Frau lernt immer noch Deutsch, und zwar mit dem konkreten Ziel, einen B2-Zertifikat am Ende des Jahrs zu kriegen. Bis jetzt fühlen wir uns sehr wohl hier!
Ich würde gern sagen, dass es "Lust auf Abenteuer" war, das uns zu diesem Umzug angespornt hat. Das Problem mit dieser Beschreibung: ich bin ein furchtbarer Tourist. Meine Wanderlust hält keine zwei Tagen unterwegs aus, vor ich mich erneut nach Regelmäßigkeit sehne. Das erste, das ich tun will, nachdem ich aus dem Flughafen heraustrete, ist mich einzuleben. Eine tägliche Routine etablieren, die beste Studierecken erkunden, usw. Das habe ich schon gemerkt, als ich meine Studienreise in Granada machte. Ich hätte viel mehr innerhalb von Spanien (und Europa!) während meiner Aufenthalt reisen können, aber ich wollte nur studieren, zum Unterricht gehen, mir ein Schawarma gönnen und richtungslos durch die engen Gassen der Stadt (und manchmal auch die wunderschöne Alhambra) herumwandern. Früher schämte ich mich ein bisschen, meine Reisegelegenheiten nicht richtig ausgenutzt zu haben. Jetzt aber akzeptiere ich diesen Teil meiner Persönlichkeit.
Es sind einfach nicht die touristische Ziele, die mich am meisten beim Reisen anziehen, sondern die unvorhersehbaren Kleinigkeiten des Alltags. Das Erlebnis des Einlebens in einer fremden Gegend hat, finde ich, eine gewisse metaphysische Tiefe. Es bringt einem nämlich dazu, unbemerkte und angenommene Einzelheiten der ehemaligen Umgebung zu hinterfragen, die eigentlich ganz anders hätten sein können. Längst angewöhnte Systeme und Annehmlichkeiten werden über den Haufen geworfen; Aufgaben, die man vorher schnell und reibungslos erledigen konnte, werden plötzlich überwältigend; der feste Boden des Alltags schwankt, und es dauert, bis man wieder Fuß fassen kann. Aber je vertrauter man mit den Gegenständen des neuen Landes wird, desto häufiger stellt er sich die Frage: wieso gibt es dies oder das in meinem Heimatland nicht?
In diesem Blogeintrag wollte ich nur ein paar Merkwürdigkeiten aus meinem neuen baden-württembergischen Alltag skizzieren. Die repräsentieren zwar weder das ganze Land noch das ganze Bundesland. Hier gibt es nämlich noch viel, von dem ich noch keine Ahnung habe. Aber bis jetzt finde ich es schön hier, und das ist mein Liebesbrief an das fremde Paralleluniversum, in das ich vor kurzem hineingetreten bin.
Schon vor meiner Ankunft in Deutschland war mir das Phänomen des "Lüftens" bekannt. Angeblich soll man das Haus oder die Wohnung regelmäßig lüften, also die Fenster öffnen und frische Luft durchblasen lassen. (Angeblich ist das auch neuerdings unter Englischsprachigen auf TikTok zum Trend geworden, wo ihm eine ekelhafte Bezeichnung anhaftet, die ich mich prinzipiell weigere, hier wiederzugeben.) Gesundheitlich soll diese Gewohnheit einem guttun. Übrigens ist es auch eine einzigartige Erfahrung, ein deutsches Fenster zu öffnen: die Fenster können nämlich entweder waagerecht oder senkrecht öffnen, je nach die Richtung der Klinke. Irgendwann muss ich unbedingt lernen, wie genau die Mechanik dahinter funktioniert.
Allerdings ahnte ich im Voraus nicht, zu welchem Grad diese Tradition institutionalisiert ist. Das ist mir zum ersten Mal aufgefallen, als wir den Mietvertrag unserer Wohnung bekommen haben. Bei der Wohnungssuche hatten wir großes Glück und uns wurde vor der Ankunft eine sehr bequeme Zweipersonenwohnung mit einer eigener Küche und eigenem Badezimmer (weshalb wir uns echt verwöhnt fühlen!) von einem Studentenwohnheim in Tübingen zugeordnet. Im Mietvertrag standen die Zeilen:
Der Mieter ist stets verpflichtet... die Mietsache ausreichend zu lüften, zu beheizen und gegen Frost zu schützen und seine Mietsache sauber zu halten.
Also, wir sind vertraglich verpflichtet, unsere Wohnung zu lüften. Ein Problem für uns ist das natürlich nicht - das hatten wir in unserer Wohnung in Albuquerque schon regelmäßig getan, und das trotz des hohes Staubinhalts der Wüstenluft. Überraschend war es jedenfalls, das Lüften vertraglich vorgeschrieben zu bekommen.
Später erfuhr ich, dass das Lüften nicht nur verträglich sondern auch maschinell umgesetzt wird. In der Universitätsbibliothek gibt es mehrere große Studiensäle, wo viele Reihen von Tischen mit ruhig lesenden oder arbeitenten Studierenden ständig besetzt sind. Ungefähr jede 20-30 Minuten unterbricht die Stille aber ein durchdringendes mechanisches Knurren. Die Oberfenster auf beiden Seiten des Saals kippen, und frische Luft strömt hinein. Nach ein paar Minuten kommt das Knurren noch mal, und die Fenster sind wieder zu. Noch ein paar Minuten später ist das Geräuch noch mal zu hören, aber diesmal in der Ferne: ein anderer Saal ist nämlich dran. Auch im Frühling ist das so passiert, als die Luft draußen an manchen Tagen noch ziemlich frostig war. Wenn man kurze Ärmel trug, dann zog man einfach einen Pullover an und gleich danach wieder aus, oder stand man auf und wartete zitternd in der Mitte des Saals, in der Hoffnung, dass die kalte Luft nicht zu schnell hineinwehen würde. Das Lüften hat nämlich Vorrang vor Komfort.
Wenn ich meinen ausländischen Mitstudierenden in Tübingen frage, was sie am meisten aus ihren Heimatländern vermissen, am allerhäufigsten wird die Küche erwähnt. Deutsches Essen schmecke ihnen nämlich gar nicht.
Da kann ich auf gar keinem Fall zustimmen. Was sogenannte "traditionelle deutsche Küche" angeht, habe ich zwar nicht außergewöhnlich viel davon gegessen (ich bin ja wieder auf einem Studentenbudget und Restaurants sind teuer!). Trotzdem habe ich habe ich seit dem Umzug eine deutliche lebensmittelbezogene Genusssteigerung erlebt, für die vor allem die deutschen Bäckereien zu verdanken sind.
Aus irgendeinem Grund ist meine Lust auf Süßigkeiten im Laufen der letzten paar Jahren rückläufig geworden. Besonders vormittags ekelte ich oftmals vor der bloßen Vorstellung, etwas Süßes und Klebriges sogar mit dem Finger zu berühren, vom Essen selbst ganz zu schweigen. Vielleicht trägt die weitgehend unzuverlässige Qualität von Süßgebäck in den USA dazu bei. In den sporadischen Malen, in denen ich so etwas spontan in einem Café gekauft habe, wurde ich oft von dem Geschmack oder der Konsistenz enttäuscht. Wann immer ich eine neue Art Gebäck in einem Stammkafé ausprobiert habe, und es mir halbwegs gefallen hat, habe ich daraufhin meine Gebäckeinkäufe bei künftigen Besuchen auf diese Variante eingegrenzt, um die Wahrscheinlichkeit einer Enttäuschung einzudämmen; selbst dann hat sich die Qualität mehrmals als unerklärlich schlimmer als bei den früheren Exemplaren herausgestellt. Es fühlt sich schlimm an, etwas zu essen, das gleichzeitig sowohl ungesund als auch unzureichend lecker ist, als würde man dabei nicht nur Geld sondern auch die persönlichen Lasternquote dabei verschwenden.
Die erste Süßigkeit, die ich mir in Deutschland gegönnt habe, war ein Schnitt Erdbeerkuchen. Eines Morgens nach dem Joggen war ich in Edeka (ein Lebensmittelgeschäft) vorbeigeschaut, um mir einen Kaffee zu holen. Der Erdbeerschnitt war ein spontaner Einkauf und ziemlich ungewöhnlich für mich, vor allem weil es noch Vormittag war. Den Einkauf habe ich nicht bereut. Ohne Übertreibung kann ich sagen, dass es das beste Kuchenstück meines Lebens war. Das Entzücken, nicht enttäuscht von so einem spontanen Einkauf zu sein, hat den Genuss natürlich erhöht. Am nächsten Tag brachte ich noch ein Stück mit nach Hause, um diese Entdeckung mit meiner Frau zu teilen.
Wenn ich hier etwas Neues von einem Bäckerei ausprobiere bin ich selten enttäuscht. Die neuen Varianten gehen mir in absehbarer Zukunft nicht aus, denn es gibt in jedem Bäckerei einen ganzen Haufen Süßgebäck. Vor ein paar Tagen habe ich eine neue Art Kuchen gekostet: darauf waren leicht glasierten Aprikosen und Walnüsse und auf der Unterseite war eine Krümelschicht mit Braunzuckergeschmack. Es hat nach Herbst geschmeckt. (Den habe ich übrigens auch in einem Keim-Filial in einem Edeka gekauft. Gegenüber Cafégebäck in den USA war ich schon misstrauisch; das Gebäck, das in vielen amerikanischen Lebensmittelketten verhökert wird, würde ich nicht mal mit der Kneifzange anfassen.)
Hier handelt es sich aber nicht nur um Süßgebäck, sondern auch um ein Grundnahrungsmittel der Deutschen, nämlich das Brötchen. Eigentlich ist ein Brötchen im Wesentlichen gleich ein Sandwich. Die Idee ist zwar keineswegs neu, aber sie sind auch irgendwie einfach besser als bei uns zulande und werden jeden Tag in jedem Bäckerei frisch zubereitet und ausgestellt. Leckere gekochte Eier sind ein beliebter Belag. Mich wundert übrigens, dass Gurken (keine Essiggurken, sondern einfach Gurken) nicht beliebter als Sandwich-Belag in den USA sind, denn sie sind wunderbar frisch und knusprig.
Erst vor ein paar Tagen haben wir es uns gewagt, ein Fleischkäsebrötchen zu probieren. Genau woraus Fleischkäse besteht, weiß ich nicht, und möchte ich auch nicht wissen. Ein ganzer von Wärmelampen warm gehaltener Laib davon schwitzt hinter der Theke jeden Tag und bei Bedarf werden Stücken davon locker abgeschnitten. Vom Aussehen her ist Fleischkäse das Verdächtigste, das ich hier bisher probiert habe. Natürlich war er aber auch überraschend lecker. Zwischen zwei Teilen eines Kleverle-Brötchen war er wie eine himmlische hochverarbeitete Fleischwolke.
In Stuttgart haben wir erfahren, dass sogar bei Starbucks das Angebot bei weitem überlegen ist. Selbstverständlich ist es so - wie sonst konnten sie mit den deutschen Bäckereien an jeder Ecke konkurrieren?
Egal was für große Mühen die Autoren von Fremdsprachenlehrbücher sich geben, alltagsrelevante Vokabeln aus allen Bereichen des Lebens sorgfältig zu bedecken, läuft alles anscheinend unvermeidlich anders in der Praxis. So war beispielsweise meiner Aufenthalt in Granada, als ich vor einigen Jahren meine einjährige Studienreise begann. Bezüglich der Sprache stand ich schon irgendwo zwischen der B2- and der C1-Niveau, denn ich hatte sie schon mehrere Jahren lang studiert. Trotz jahrenlanger Vorbereitung blieb ich aber stumm und verblüfft, als ein Kassierer mir zum ersten Mal fragte, ob ich mein Essen "para llevar" (zum Mitnehmen) wollte, und als ein Klassenkamerad mich zu "una caña" statt "una cerveza" (ein Bier) einlud. Mir war es hundertmal einschüchternder und peinlicher, einkaufen oder essen zu gehen, als den Informatikunterricht zu verstehen.
Selbstverständlich ereigneten die erste paar Wochen in Deutschland auch so, obwohl wir in den USA schon monatenlang dabei gewesen waren, eine kleine deutsche Immersionskammer zu Hause durch tägliche Nachrichten, Podcasts und Bücher zusammenzustückeln. Eine der ersten unerwarteten Fragen in Deutschland, auf die ich stieß, hat mir einen Teil des deutschen Alltags enthüllt, der so omnipräsent ist, dass mich meine vorherige vollkommene Unwissenheit darüber immer noch überrascht.
"Wollen Sie Pfand- oder Pappbecher?"
Das Wort "Pfandbecher" war mir noch völlig unbekannt. Und bei einem Kiosk, wo es offensichtlich keine Tischen zum Verweilen und kein waschbares Geschirr gab, hatte ich keine Frage darüber erwartet, was für einen Becher ich möchte.
"Pfand" bedeutet auf Englisch "(security) deposit" oder "collateral", also das Geld oder Eigentum, das man einem Verleiher oder Vermieter anvertraut, wenn man etwas von Wert ausleiht oder mietet, und beim Zurückgeben zurückerhält, solange die Wertsache sich noch in gutem Zustand befindet. In diesem Fall geht es aber nicht um Wohnungen oder Autos, sondern um Becher. Ein Pfandbecher ist nämlich ein wiederverwendbarer Becher aus Kunststoff, für den man normalerweise 1 Euro extra bezahlt, das man zurückbekommt, sobald man das Becher zurückgibt. Anderenfalls kann man sich für einen wegwerfbaren Pappbecher entscheiden, der weniger als 1 Euro mehr kostet. Diese zusätzliche Cents sind dann aber für immer weg (genauso wie die zerknüllte Leiche des armen weggeworfenen Bechers).
Der Schlüssel zu diesem System liegt darin, dass die Pfandbecher nicht zurück zum gleichen Café wiedergebracht werden müssen. Die meisten Pfandbecher sind von der Firma Recup produziert. (Die Frage "Wollen Sie Pappbecher oder Recup?" habe ich zwar auch ein paar Mal mit blödem Starren entgegnet.) Deswegen akzeptiert der Großteil der Cafés und Bäckerein diese Becher im Austausch für das 1-Euro-Pfand. Das gleiche System gilt auch für viele Kunststoffflaschen und Glasflaschen, die im Lebensmittelgeschäft zu kaufen sind. Vielerorts gibt es sogar einen Automat dafür, bei den man das "Leergut" einreichen und einen Kassenzettel für die zusammengerechnete Summe erhalten kann. Manche Flaschen werden sogar durchgespült und wiederbenutzt; daher tragen einige Saft- oder Bierflaschen im Lebensmittelgeschäft merkbare Gebrauchsspuren oder kleine vom Entkleben des vorherigen Etiketts hintergelassene Papierreste, was ich als liebenswert empfinde aber in den USA völlig undenkbar wäre.
Dieses System trägt wesentlich auch zur Verschönerung der Stadt bei. Nach meiner Ankunft in Tübingen merkte ich ein paar Mal mit leichter Unruhe, als ich draußen am Campus oder im botanischen Garten saß, wie jemand mit einer riesigen Einkaufstüte langsam und aufmerksam um mich herum schritt, als wäre er auf der Jagd nach etwas. Hätte sowas in Albuquerque passiert, dann wären meine Sorgen wohl gerechtfertigt. Erst spätter erfuhr ich, dass diese Individuen sogenannte Flaschensammler waren, also Leute, die herumgehen und verlassene Pfandflaschen sammeln, um ein bisschen Geld dabei zu verdienen. Die Gesichter der Tübinger Flaschensammler erkenne ich schon gut, denn diese Stadt ist außergewöhnlich klein.
Bis heute ist dieses einfache aber geniale System eine der Einzigartigkeiten Deutschlands, die mich am meisten beeindruckt. Es vereinbart nämlich den Kapitalismus mit dem Umweltschutz, indem es dasselbe Gewinnmotiv nutzt, die mit so einer zerstörerischen Kraft in anderen Bereichen auswirkt, um die Stadt aufräumen zu lassen.
Vor ein paar Monaten lernte ich bei einem Sprachaustauschveranstaltung eine Frau aus Argentinien kennen, die als Heranwachsende mit ihren Eltern nach Deutschland umgezogen hatte, vor allem um den schlechten Arbeitsbedingungen ihres Heimatlands zu entkommen und bessere finanzielle Möglichkeiten zu finden. Inzwischen ist sie ziemlich gut zurechtgekommen; einen Bachelor-Abschluss hat sie hier schon gemacht und jetzt arbeitet sie als eine Art internationale Handelsverwalterin bei einer Firma arbeitet, die Ozonmaschinen herstellt. (Dank meiner Frau und r/CleaningTips war mir mindestens eine Benutzung der Ozonmaschinen schon bewusst, was diese Frau überrascht hat.) Sie erzählte mir aber, dass sie damals kein einziges Wort von Deutsch kannte. Als ihre Familie ringte damit, in dem fremden Land zurechtzukommen, lernte sie ihre ersten deutschen Wörter: "zu verschenken".
Kein Wunder! Überall in den Tübinger Nachbarschaften belegen mit kostenlosen Gebrauchtwaren aufgeladene Kisten, Tischen, Schränke usw. den spenderischen Geist der Bewohner. Vermutlich ist dieses Phänomen in Tübingen besonders übertrieben, weil es so eine studentische Stadt ist und deshalb eine unverhältnismäßig große Bevölkerung mit einem stark eingegrenzten Budget hat. Allerdings habe ich nicht wenige solcher Spendenstapel in Stuttgart gesehen.
Die Flughäfen haben mir immer sehr gut gefallen, insbesondere weil sie ideale Orte für die Menschenbeobachtung darstellen. Ich interessiere mich auch sehr viel für die Sprachen und fürs Sprachenlernen, also das Lauschen von Gesprächen zwischen Personen aus aller Welt bildet für mich auch ein spannender Zeitvertreib. Die USA ist wohl ein Land erheblicher sprachlicher und kultureller Vielfalt, aber trotzdem scheint das Englisch alle andere Sprachen zu verdrängen, selbst in New Mexico, wo Spanisch gesetzlich anerkannt ist und viele offizielle Mitteilungen in den beiden Sprachen veröffentlicht werden müssen. Deshalb nahm ich immer die Sicherheitsschleuche im Flughafen als die Grenze wahr, wo man vom englischsprachigen Bereich in den mehrsprachigen Bereich überquert.
Nicht so hier in Deutschland: als ich aus dem Flughafen hinausgetreten bin, hat die Mehrsprachigkeit einfach nicht aufgehört. Auf der Straße und in der U-Bahn höre ich ständig Gespräche und Telefonanrufe auf Spanisch, Französisch, Russisch, Chinesisch, verschiedene Dialekte von Arabisch... und dazu auch von Sprachen, von denen ich eigentlich nichts weiß, die ich aber als Persisch, Türkisch, Ukrainisch, Rumänisch oder Swahili zu anerkennen glaube. Vermutlich habe ich sowohl der freien Bewegung zwischen den EU-Ländern als auch der Aufnahme vieler Einwanderer und Flüchtlinge in Deutschland für diese sprachliche Mannigfaltigkeit zu verdanken.
In Baden-Württemberg gibt es auch einen deutschen Dialekt namens Schwäbisch. Der wird meistens von älteren Leuten gesprochen und teilt viele Wörter mit Hochdeutsch, derart, dass man mit guten Deutschkenntnissen ein halbwegs verständliches Gespräch mit jemandem führen kann, der ständig auf Schwäbisch antwortet, zumindest wenn man sich darauf sehr genau konzentriert. Wenn man aber unerwartet auf Schwäbisch angesprochen wird, ist es manchmal schwer zu erkennen, weil es so ähnlich zu Deutsch klingt. Man fragt sich verzweifelt, ob das eigentlich Schwäbisch ist, oder vielleicht reines Hochdeutsch mit einem sehr starken Akzent, oder vielleicht hätte man einfach noch eine Tasse Kaffee zu sich nehmen sollen, denn die Ohren sind einfach noch nicht wach und verarbeiten das Deutsch nicht richtig...
Auf jeden Fall kommt das mir wie genau die richtige Umgebung vor, Fremdsprachen und Linguistik zu studieren!
Als amerikanischer Stadtbewohner habe ich das Ackerland der USA nie viel Aufmerksamkeit gewidmet. Dass es Höfe dort gibt, war mir natürlich bewusst. Die habe ich aber immer als abstrakte Einrichtungen in der Ferne betrachtet, die dafür verantwortlich waren, dass Gemüse und Fleisch in den städtischen Lebensmittelgeschäften regelmäßig auftauchen. Eigentlich stimmt das nicht ganz, da so viel auch aus dem Ausland importiert wurde, aber jene ausländische Höfe habe ich fast auf einer Ebene mit den Inländischen wahrgenommen, denen ich schon mit betrachtlichem Abstand gegenüberstand. Bestenfalls wurde ich während einer Autoreise an einen Hof vorbeigefahren, aber selbst dann versorgt das Autofenster eine gweisse psychologische Absperrung, als wäre es ein Fernsehbildschirm.
Hier in Tübingen kann ich aber nicht umhin, ganz konkrete Bauernhöfe vors Gesicht zu sehen zu bekommen. Davon gibt es eine ganze Menge, und zwar keine dreißig Minuten von dem Stadtzentrum, ja keine fünf Minuten zu Fuß von meinem Wohnheim entfernt. Gehe ich in eine beliebige Richtung spazieren, komme ich schließlich zu einem Hof. Der unverkennbare Duft frisch gestreute Nutztierkacke (vermutlich als Dünger eingesetzt) duftet einem an der Nase vorbei. Den Erntezyklus bekomme ich auch vor Augen: heute jogge ich an einem Feld vorbei, wo es mit Wellen von goldenem Getreide wimmelt, und eine Woche später jogge ich am gleichen Feld vorbei, aber diesmal ist das alles schon weg, durch Reihen von Jungpflanzen in Schlamm ersetzt worden.
Darüber hinaus gibt es ein ganzes Netzwerk von Dörfern in der Nähe von Tübingen, die durch ein Gewirr von Fuß- und Radwege erreichbar sind. Einige davon habe ich spontan beim Joggen besucht.
Diese Dörfer sind im Allgemeinen außergewöhnlich hübsch und idyllisch. (Als ich vor einigen Jahren Hermann Hesses Das Glasperlenspiel las, fand ich seine Darstellung der Natur wunderschön. Vor kurzem habe ich zum ersten Mal seit einigen Jahren noch etwas von ihm gelesen, und zwar Unterm Rad, aber diesmal fand ich sie umso lebhafter, da ich selbst die Schönheit der deutschen Landschaft bezeugen kann, die sie inspiriert haben müssen.) Sie bieten auch andere Eigentümlichkeiten an, als es in der Universitätsstadt zu genießen gibt. Zum Beispiel, im nahegelegenen Wankheim gibt es eine "Milchbar":
Die habe ich noch nicht besucht, da ich beim Joggen dahingekommen war, und irgendwie kam mir die Idee, mir eine Tasse frisch gezapfter Milch an einem glühend heißem Sommertag zwischen durch Schweiß versaltze Lippen hineinzuschwemmen, nicht allzu angenehm vor. Vielleicht aber künftig. In mehreren Dörfern habe ich auch Automaten wie diesen erblickt:
Also, das sind Verkaufsautomaten, wo Tierprodukte und Lebensmittel z.B. Milch, Eier, Kartoffel, Dosenfleisch usw. erhältlich sind. (Ja, ich weiß, mein Foto ist Scheiße.) Für einen Deutschen ist das vielleicht nichts Besonderes, aber für mich wirkt das surreal. Kartoffelchips habe ich wohl mehrmals in einem Verkaufsautomat gesehen, aber Kartoffel?!
Also, das war's für jetzt. Ciao!